Die Mutterglück-Lüge (Regretting Motherhood)

von | 8. Februar 2016

Viele Mütter bereuen ihre Mutterschaft. Sie sehnen sich nach ihrem alten Leben zurück. Interview mit Sarah Fischer.

Mutterglueck-LuegeVon Regretting Motherhood ist auch die Reisejournalistin und Autorin Sarah Fischer betroffen. Sie erzählt in ihrem Buch „Die Mutterglück-Lüge“ (Ludwig Verlag) von ihren Erfahrungen und Gefühlen seit ihrer Schwangerschaft und wie sich ihr Leben durch die Mutterschaft verändert hat. Fragen wir sie genauer.

Frau Fischer, Sie sind viel in der Welt herumgekommen. In welchen Kulturen ist es einfacher und wo ist es schwerer, Mutter zu sein?

Sarah Fischer: Ach, da könnte ich jetzt lang aufzählen, ich habe 180 Länder bereist. Die meisten Erfahrungen habe ich in der Mongolei gesammelt, weil ich dort über Monate mit einer Nomadenfamilie lebte. Ich staunte nicht schlecht, wie unkompliziert dort alles verläuft. Niemand redet den Müttern rein, die Kinder machen einen glücklichen Eindruck, obwohl oder vielleicht gerade weil sie nicht ständig im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Und dabei haben sie fast keine Spielsachen, also im Vergleich zu unseren Kinderzimmern. Es ist alles sehr entspannt und fröhlich und völlig frei von dem Stress, den das Muttersein bei uns bedeutet. Damals war ich ja noch nicht Mutter, aber ich nahm mir vor, es einmal genauso zu machen. Hätte allerdings nicht gedacht, dass man in Deutschland dann gegen eine Mauer läuft, wenn man nicht dem strengen Gute-Mutter-Kodex entspricht.

Ist Regretting Motherhood also ein Phänomen bestimmter Gesellschaften?

Sarah Fischer: Mit Sicherheit ist es ein Phänomen westlicher Gesellschaften. Denn eine Frau, die das fühlt, muss vor der Geburt des Kindes so etwas wie ein selbstbestimmtes Leben gehabt haben, das ihr gut gefallen hat, sonst würde sich ihr Dasein als Mutter ja nicht verschlechtern. Ich denke, dass es in Ländern, in denen Frauen einzig und allein Kinder zur Selbstverwirklichung zugestanden werden, anders ist als in Industriestaaten. Aber zum Glück leben wir hier in einer Welt, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind und beide ihr Leben aktiv gestalten können. Theoretisch, also so lange, bis sie Mutter werden…

Worin besteht Ihrer Meinung nach die Mutterglück-Lüge im Wesentlichen?

Sarah Fischer: Die Mutterrolle ist hierzulande mit Ideologien überfrachtet. Sobald eine Frau Mutter wird, stellt die Gesellschaft unbarmherzige Regeln darüber auf, was sie als Mutter darf, und vor allem, was sie nicht darf. So ist das Leben als Mutter plötzlich mit einer Unmenge beruflicher und persönlicher Einschränkungen verbunden. Während die Frau nahezu vollständig hinter der Mutter verschwindet, haben es die Väter da deutlich leichter: Sie übernehmen häufig nur ein Nebenröllchen, für sie bleibt in der Regel fast alles, wie es ist – mit dem Kind als schönes Plus. Das Leben der Mutter rutscht ins Minus. Außerdem ist man nicht automatisch glücklich, nur weil man ein Kind hat und sich in einer Realität wiederfindet, die meist anders ist, als man es sich vorgestellt hat. Das darf man aber nicht laut sagen, das ist ein wesentlicher Punkt in der Mutterglück-Lüge. Was viele Frauen sich nur insgeheim eingestehen, sage ich öffentlich: ich bereue es, Mutter geworden zu sein. Ich finde, es wird höchster Zeit, dass wir an diesem Tabu rütteln. Warum erwarten wir eigentlich von Frauen, dass sie ihre Bedürfnisse vollkommen zurückstellen und sich fürs Kind aufopfern – und darüber auch noch glücklich sind?

Wirkt sich Regretting Motherhood auch auf die Kinder aus?

Sarah Fischer: Nicht das Kind wird bereut, sondern die Mutterschaft. Das ist ein Unterschied, der gern überhört wird, weil das Thema noch so neu ist. Bis meine Tochter das Buch lesen kann, wird das alles hoffentlich Schnee von gestern sein und kein Hahn wird mehr danach krähen, wie schwer es manche Mütter anno 2016 hatten, die dafür an den Pranger gestellt wurden, dass sie laut sagten, dass sie vor der Mutterschaft ein schöneres Leben hatten. Dass ihr Kind nicht alles entschädigt hat. Und mal davon abgesehen: Das ist auch eine ziemliche Last für so einen kleinen Menschen, wenn er die große Wiedergutmachung leisten soll, dass Mami nicht mehr in ihrem Job, den sie verdammt gern machte, arbeiten kann. Nicht wegen ihm, sondern wegen den Umständen. Aber das begreift der kleine Mensch ja nicht.

Laut Buch-Untertitel wären Sie lieber Vater geworden, warum?

Sarah Fischer: Für einen Mann bleibt nach der Geburt meist alles, wie es ist – on top hat er ein tolles Kind. Für die Frau ändert sich sehr viel. Freiheit, Selbstbestimmung, finanzielle Souveränität und Spontaneität sind bei vielen Müttern dahin. Sie verlieren ihre Autonomie und ihre Identität. Sie ist jetzt Mutter und der Mensch, der sie vorher war, den gibt’s nicht mehr. Und wehe, sie beschwert sich und vermisst ihr altes Leben! Ein Vater ist schon toll, wenn er zwei Stunden am Samstagnachmittag mit dem Kind auf dem Spielplatz verbringt. Und wenn er sich währenddessen mit seinem Smartphone beschäftigt, finden ihn noch immer alle Frauen klasse, weil er sich so um sein Kind kümmert. Aber wehe, Sie fassen als Frau Ihr Handy bloß mal an, um nach der Uhrzeit zu schauen… Rabenmutter!

Was könnten der Staat, die Arbeitgeber, die Gesellschaft, das soziale Umfeld und nicht zuletzt der Vater tun, damit es mehr glückliche Mütter und Kinder gibt?

Sarah Fischer: Staat: mehr Krippen- und Kindergartenplätze schaffen und längere Kiga-Zeiten anbieten, Doppelverdiener Haushalt fördern.
Arbeitgeber: Home Office anbieten, Gleitzeit, gleiche Bedingungen auch für Väter, dass diese nicht schräg angesehen werden, wenn sie mal ihr Kind von der Kita nachmittags abholen, Teilzeitjobs besser bezahlen, generell ihre Einstellung verändern, was Arbeitnehmer mit Kindern angeht.
Gesellschaft und soziales Umfeld: nicht ständig über die Mütter urteilen, was sie dürfen oder nicht, ob sie eine gute Mutter ist oder nicht. Sich loslösen von der Vorstellung, die Mutter müsse sich ständig um das Wohl des Kindes kümmern; früher lief ein Kind auch einfach so mit. Wir haben vergessen, dass es verschiedene Arten gibt, nicht nur die deutsch-perfekte, die alles andere ausschließt, eine gute Mutter zu sein.
Vater: eventuell mehr Elternzeitmonate nehmen, die Option diskutieren mit der Partnerin, ob beide gleichermaßen Geld verdienen und arbeiten, mehr im Haushalt mit anpacken und die Frau entlasten.

Wie können sich (werdende) Mütter vor Regretting Motherhood schützen?

Sarah Fischer: Ich habe mich gut vorbereitet und bin trotzdem reingefallen, weil ich mir eben nicht vorstellen konnte, wie die Gesellschaft auf Schwangere und Mütter reagiert. Ich hätte mir zum Beispiel nicht träumen lassen, dass wildfremde Menschen in der U-Bahn ihre Hand auf meinen Bauch legen und fragen: Wann ist es denn so weit? Aber eine Mutter scheint ja irgendwie Allgemeingut zu sein und jeder darf ihr Tipps geben. Ich würde anderen Frauen raten, noch akribischer zu planen als ich – und mir lange vor der Geburt Unterstützung zusichern lassen, und zwar schriftlich. Viele Männer sagen vorher: Klar kannst du dich auf mich verlassen, Schatz. Und wenn das Kind da ist, arbeiten sie wie verrückt, weil sie glauben, sie müssten jetzt extra viel Geld ranschaffen – und die Mutter ist mit dem Kind allein zu Haus. Das kann dann eben dazu führen, dass man eines Tages feststellt: Mein Leben war vorher schöner. Und das Wichtigste zum Schluss: Darüber reden! Keine Frau, die solche Gefühle hat, ist allein! Je mehr wir darüber sprechen, desto normaler wird das Ganze. Ist doch kein Drama – wir bereuen vieles im Leben, und dann finden wir uns damit ab und machen weiter. Oder wir beseitigen die Hemmnisse. Und das wäre jetzt, in Deutschland 2016 mal dringend nötig, würde ich meinen!

Vielen Dank, Frau Fischer!


Illustration: tigatelu – Fotolia.com

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