Erziehung und Förderung heute: Steht das Wohl des Kindes im Mittelpunkt?

von | 29. Dezember 2014

Heutzutage sollen Kinder möglichst früh gefördert werden. Woher der Drang nach Frühförderung stammt und was Kinder wirklich brauchen weiß Dr. Renz-Polster.

FrühförderungErziehung heute ist oft genug mit der Frage verbunden, wie die Kleinen möglichst intensiv und möglichst früh gefördert werden können. Damit hat sich für die Kleinen auch die Kindheit verändert. Kaum ein Kind kann unbeschwert auf Bäume klettern, einfach nur so in der Wiese liegen und in den Tag hineinleben. Nicht wenige der Kinder verbringen den größten Teil des Tages in Institutionen – und gerade für die Kleinen kann damit eine erhebliche Stressbelastung verbunden sein. Nun unterlag die Kindererziehung schon immer gewissen „Trends“. Ärzte, Könige, Priester und immer wieder Politiker gaben die Erziehungsziele vor und die Eltern haben sich danach gerichtet oder dies zumindest versucht. Heute sind wirtschaftliche und politische Machtfiguren wesentlich an der Gestaltung der Erziehungsziele – manchmal basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen – beteiligt. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Autor des Buches „Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen“ kennt die Hintergründe.

Dr. Herbert Renz-Polster: In Erziehungsfragen haben immer auch diejenigen mitgeredet, denen es nicht um die Kinder selbst ging, sondern um deren spätere Funktionen – ob als Fabrikarbeiter, Soldaten, fruchtbare Mütter, Bewohner eines angeblich freien Raumes im Osten oder als sozialistische Normerfüller. Wie von Zauberhand ließen sich die meisten Eltern auf die Ansagen derer ein, die eben gerade in der Gesellschaft das Sagen hatten – selbst auf Ansagen, die uns heute peinlich sind und die wir empört als kinderfeindlich zurückweisen.

Und wie sieht das heute aus?

Dr. Herbert Renz-Polster: Nehmen wir nur einmal die Frühpädagogik. In den Krippen und KiTas geht es heute ganz zentral um die frühe Bildung der Kleinen – und Eltern meinen mehrheitlich, dass Kinder genau das für ihre optimale Entfaltung brauchen. Aber woher wissen sie das? Wer hat das gesagt? Sind wir uns sicher? Haben wir die Kinder gefragt? Noch vor 25 Jahren hätten Eltern mit diesem Begriff gar nichts anfangen können, da dachten sie noch, in den Kindergärten ginge es um Spiel, Basteln, Spaß und Tralala. Heute dagegen steht das Spielen eher unter dem Verdacht, dass es die Kleinen vom Lernen abhält. Ich finde, wir müssen und dürfen da kritisch sein.

Wenn wir uns die Kinder anschauen: Was brauchen sie denn?

Dr. Herbert Renz-Polster: Da will ich als erstes fragen: was ist eigentlich für ein Kind das Rüstzeug fürs Leben? Da geht es doch darum, dass die Kinder zu selbstsicheren, kompetenten Persönlichkeiten werden. Dazu müssen sie lernen, mit ihren Gefühlen und Impulsen klar zu kommen. Sie müssen lernen, sich in andere einzudenken und in der Gruppe zurecht zu kommen. Sie müssen innerlich stark, widerstandsfähig und kreativ werden. Aber all diese Entwicklungsschritte kann man einem Kind nicht beibringen, auch nicht mit dem tollsten pädagogischen Programm. Diese Schätze müssen die Kinder selber heben. Kinder werden mutig und bekommen große, neugierige Augen, wenn sie sich in ihren alltäglichen Beziehungen wohl fühlen. Wenn sie sich verlässlich angenommen, geschätzt und beachtet fühlen – das gilt für KiTas übrigens genauso wie im Elternhaus. Gestresste Kinder lernen nicht. Verunsicherte Kinder sind nicht mutig. Man muss sich also schon fragen, warum es in der heutigen Frühpädagogik so viel um Förderprogramme, Bildungsanreize und Theorien geht, und so wenig um die Beziehungen von Mensch zu Mensch. Ich bin da skeptisch. Naturwissenschaftliche Experimente laufen für Kinder doch den ganzen Tag. Man muss für Kinder schon eine ziemlich verarmte Kindheit organisieren, damit sie nicht von sich aus lernen, welche Gegenstände im Wasser schwimmen und welche untergehen. Dazu brauchen sie keine „Bildungsinsel“ und auch keine speziellen Experimente. Die Manager in den großen Unternehmen sorgen sich um den Nachschub an Fachkräften, sie haben Sorge, dass ihnen eines Tages nicht mehr genügend „Humankapital“ zur Verfügung steht. Die Eltern sorgen sich, ihre Kinder könnten bei dieser beständigen Beschleunigung nicht mithalten. Und doch halte ich es für falsch, wenn wir die Angst zur Grundlage der Pädagogik machen, und nun schon die Kindheit zu einer Strecke zu machen, auf der die Kinder sich für den Job warm laufen. Wissen wir denn, wie die Welt in 20, 25 Jahren aussieht? Und wie geht es uns denn selber mit dieser beständigen Beschleunigung? Ja, wir müssen funktionieren. Gleichzeitig wächst die Zahl der Ausgebrannten. Wir sollten innehalten, bevor wir jetzt diesen Druck an die Kinder weitergeben. Ich bin nicht gegen Bildung, und auch nicht gegen eine gute Vorbereitung auf die Arbeitswelt. Aber Kinder müssen zuerst ihr Lebensfundament aufbauen. Damit sind sie gerüstet, egal was kommt. Darin liegt für mich das Interesse des Kindes. Sie brauchen dazu eine Kindheit, die diesen Namen auch verdient.

Vielen Dank!

Dr. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Ausbildung und Forschungstätigkeit 1995-2002 in den USA, dann in Deutschland. Herbert Renz-Polster befasst sich seit vielen Jahren mit der kindlichen Entwicklung, mit seinen populären Werken „Kinder verstehen“ und „Die Kindheit ist unantastbar“ gilt er als eine der profiliertesten Stimmen in der Erziehungsdebatte. Kontakt: www.kinder-verstehen.de

Foto: © tournee – Fotolia.com

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