Brauchen Kinder heute mehr Therapien als früher?

von | 22. August 2013

Immer mehr Kinder brauchen Therapien und Medikamente, doch gibt es heute tatsächlich mehr ADHS und ADS kranke Kinder als früher? Zappelphilipp oder hyperaktiv?

Therapien fuer KinderDie Zahl psychisch kranker Kinder scheint deutlich gestiegen zu sein. Das verwundert nicht nur den Professor für Pädagogik Rolf Göppel, der konstatiert, dass es historisch betrachtet noch nie so eine große Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse von Kindern gegeben hat. Auch das Beratungsangebot in Erziehungsfragen ist enorm. Professor Göppel vermutet, dass die Erziehungsaufgaben angesichts der Instabilität von Beziehungen, und angesichts der Pluralität von Lebensverhältnissen, verbunden mit der Aufdringlichkeit der Medienwelt, ökonomischer Unsicherheiten in der modernen Arbeitswelt, komplexer geworden sind. Kann das zu mehr psychischen und sozialen Problemen bei Kindern führen? Ich habe den Kinderarzt Dr. Jens Grombach und den Logopäden &  Lern- und Entwicklungstherapeuten Jan-Philipp Janssen gefragt, wie sie die Lage beurteilen.

Immer mehr Kinder machen Therapien. Sind Kinder heute tatsächlich mehr von Problemen betroffen oder werden Kinder heute einfach anders wahrgenommen?

Dr. Jens Grombach: Man schaut heute tatsächlich genauer hin und im Rahmen der Tests und Vorsorgeuntersuchungen wird ohnehin mehr auf sozialpädiatrische Probleme hingewiesen, um die Chance auf Förderung nutzen zu können. Bei den Vorsorgeuntersuchungen sind ca. 30% der Kinder auffällig und bei 10% der Kinder ist eine Therapie notwendig. Kleinere Kinder sind eher von Bewegungsstörungen betroffen, Kinder ab 2 Jahren sind eher von Sprachentwicklungsstörungen betroffen und bei älteren Kindern ab 6 Jahren treten häufiger Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen auf.

Früher Zappelphilipp – heute hyperaktiv?

Dr. Jens Grombach: Ja. Mein Eindruck ist jedoch, dass es heute eher zunimmt, da sich Kinder nicht mehr so viel bewegen. Sie sitzen viel am Computer und bewegen sich lediglich feinmotorisch. Früher waren hyperaktive Kinder nicht so auffällig, da sie eh draußen rumgetobt sind.
Jan Philipp Janssen: Das sehe ich als Entwicklungstherapeut genauso. Kinder sind heute feinmotorisch wohl fitter, aber grobmotorisch geht dadurch was ab.

Offenbar werden manchmal vorschnell Therapien und Medikamente veranlasst. Was sind die Gefahren?

Jan-Philipp Janssen: Zu viel Therapie schadet nicht, aber es kann zu einer Überforderung führen, wenn Kinder zu viele Termine pro Woche haben. Kinder brauchen auch mal eine Auszeit und das ist die Gefahr bei zu vielen Terminen. Sie wirken dann unkonzentriert, was möglicherweise eine weitere therapeutische Maßnahme nach sich zieht.
Dr. Jens Grombach: Es ist eine Gefahr, wenn man Medikamente zu früh gibt, weil das Kind viel zu schnell abgestempelt wird. Das wirkt sich ganz oft aufs Selbstbewusstsein der Kinder aus. Man freundet sich zu viel mit der Situation an. Das Kind freundet sich mit der Rolle als entwicklungsverzögertes Kind an und macht keine Anstalten mehr, in Richtung normales Schulkind zu kommen. Kinder werden viel zu schnell als hyperaktiv abgestempelt.

Woran können Eltern erkennen, ob ihr Kind eine Therapie braucht?

Jan-Philipp Janssen: Ich empfehle Eltern immer, mal in eine Turngruppe zu gehen und ihr Kind mit anderen Kindern zu vergleichen. Meist fällt das Kind dann gar nicht auf und wenn das Kind in eine Turngruppe reinpasst, dann ist alles gut. Weil ein Zappelphilipp wird immer ausgestoßen und wenn er da nicht ausgestoßen wird, ist alles im Rahmen und man muss keine Medikamente geben. Auch sollte man mit offenen Augen und Ohren anderen Eltern zuhören. Der Kinderarzt kann objektiv beurteilen, ob ein Kind tatsächlich verhaltensauffällig ist. Wenn das Kind zuhause mal rumzappelt oder vom Stuhl runterfällt, dann ist es noch kein Indiz dafür, dass es hyperaktiv ist. Positiv ist natürlich auch, wenn es in der Turngruppe unauffällig ist und integriert wird.

Und welche Kinder sehen Sie verstärkt in Therapieprogrammen? Sind es eher Kinder aus prekären Verhältnissen oder sind Scheidungs- und Trennungskinder besonders belastet?

Dr. Jens Grombach: Mir fällt auf, dass gerade im sozialen unteren Bereich Kinder wenig gefördert werden. Also Spielen, Vorlesen oder Waldspaziergänge sind eher eine Seltenheit. Es kommt meiner Meinung nach auf das soziale Milieu an und wie Eltern mit ihren Kinder umgehen, weniger auf den Familienstand der Eltern.
Jan-Philipp Janssen: Die Kinder sagen bei der Anamnese oft auf die Frage, was denn die Eltern mit ihnen spielen: „Gar nix. Der Papa trinkt Bier und die Mama sitzt vorm Computer.“ Diese Kinder werden nicht gefördert und die Gefahr, Therapie zu brauchen, steigt so. Eine Scheidung geht natürlich nicht spurlos an einem Kind vorbei. Es wäre nicht normal, wenn das Kind auf so ein gravierendes Ereignis nicht reagieren würde. Aber die meisten Scheidungskinder kommen mit der Zeit damit klar und benötigen keine Therapie.

Das Interview führte Dr. Sonja Deml.

Quelle: Göppel, Rolf (2013): Haben Kinder und Jugendliche heute größere emotionale Defizite und psychosoziale Störungen als früher? In: Dammasch, Frank/Teising, Martin (Hrsg.): Das modernisierte Kind. Brandes&Apsel, Frankfurt am Main

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