Der entgrenzte Mensch und seine Abhängigkeit

von | 9. Juni 2011

In seinem neuen Buch "Der entgrenzte Mensch" untersucht Rainer Funk Menschen, die Grenzen bewusst und exzessiv überschreiten und von dieser Lebensweise abhängig ist.

Wenn man die Zeitung aufschlägt, dann verschlägt es einem oft die Sprache: Menschen nehmen die Angebote von Seitensprungagenturen an, ein Meteorologe hat(te) so viele Freundinnen, dass man sie an zwei Händen nicht abzählen konnte und zur Belohnung für gute Geschäftsabschlüsse wird eine Sexparty geschmissen. In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Offenbar in einer, in der Grenzen nicht mehr viel gelten. Der Psychoanalytiker Rainer Funk hat sich in seinem neuesten Buch mit entgrenzten Menschen beschäftigt.

Entgrenzung ist Leidenschaft

Es gibt Menschen, die heben leidenschaftlich gerne Grenzen auf, provozieren gerne und fühlen sich umso besser, je entgrenzter sie leben. Davon versprechen sie sich Freiheit, frei zu sein von Bindungen an andere und gesellschaftliche Vorgaben. Sie gelten als rücksichtslos und sind meist wenig beliebt.

Der Mensch als Bindungs- und Beziehungswesen

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das gerne beständige Beziehungen hat. Entgrenzte Menschen sind in Paarbeziehungen enorm tolerant, wenig nachtragend, nicht eifersüchtig und sexuell fühlen sie sich an keine Maßgaben gebunden. Treue, Rücksichtnahme, Zuverlässigkeit, Pflichtgefühl oder Verantwortungsgefühl sind Werte, die nicht zu ihren Stärken zählen. Trennungen werden ohne Gefühlsdramatik vollzogen und nicht als Verlust erlebt. Schließlich möchten sie eigentlich frei sein und sich mit sich selbst und anderen vergnügen.

Entgrenzte Menschen kennen keine Scham

Entgrenzte Menschen haben das Verlangen, extreme Situationen zu schaffen. Ihre Realität erscheint unerträglich, sie möchten daraus fliehen und Bedürfnisse ausleben, die sonst tabu sind. Dabei fühlen sie keine Scham, sondern inszenieren Gefühle und geben sich unverschämt offen. Sie bangen in exzessiven Situationen weder um ihre Ehre noch um ihren guten Ruf und haben auch kein schlechtes Gewissen. Vielmehr können sie nicht mehr ausreichend zwischen Simulation und Realität unterscheiden, haben also auch keine Angst vor negativen Konsequenzen.

Abhängig von dem Gefühl, frei zu sein

„Toleranzerhöhung“ ist ein Begriff aus der Suchtforschung und meint, dass immer mehr Drogen, Alkohol etc. benötigt wird, um eine bestimmte Wirkung zu erhalten. Ähnlich verhält es sich bei entgrenzten Menschen: Was heute noch als prickelnd erlebt wurde, ist morgen schon langweilig und es muss noch exzessiver gelebt werden: noch mehr Geliebte, noch mehr sexuelle Experimente etc. Die Abhängigkeit von bestimmten Realitätskonstruktionen kann also krankhaft sein.

Die Psyche entgrenzter Menschen

Entgrenzte Menschen haben eine besondere psychische Disposition. Sie blenden Ängste oder Selbstzweifel völlig aus, erleben sich somit kraftvoll und selbstbewusst und können andere in ihrer Vorstellung mit ihrem Verhalten beeindrucken. Mit den Selbstzweifeln wird auch die Fähigkeit ausgeblendet, sich selbst kritisch zu sehen und kritische Rückmeldungen von anderen werden als Bedrohung gesehen. Die Kritikunfähigkeit und die narzisstische Verletzlichkeit steigen. Das Ausblenden bestimmter Persönlichkeitsaspekte ist schlecht für die psychische Gesundheit und nicht wenige landen in einer Psychotherapie genauso wie die Menschen, die sie mit ihrem zügellosen Verhalten verletzen, denn niemand handelt völlig frei, sondern es gibt immer jemanden, der dadurch gedemütigt, beschämt und herabgesetzt wird.

Quelle: Funk, Rainer (2011): Der entgrenzte Mensch. Warum ein Leben ohne Grenzen nicht frei, sondern abhängig macht. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh

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