Kinder mehrsprachig erziehen
von Dr. phil. Sonja Deml | 28. September 2026
Schätzungsweise wächst die Hälfte aller Kinder mit mindestens zwei Sprachen auf. Was sind die Vorteile der Mehrsprachigkeit?

Die Zahl der mehrsprachigen Kinder steigt: Erasmusjahr in Spanien, Arbeiten in China, weltweite Online-Partnersuche, Auswandern ins Traumland usw. So entstehen internationale Liebesbeziehungen und deren Babys wachsen ganz selbstverständlich mit mehreren Sprachen auf. Je früher Kinder eine neue Sprache lernen, desto leichter und selbstverständlicher findet das Lernen statt. Davon profitieren sie ein Leben lang. Die Linguistin und Mutter von zwei mehrsprachigen Kindern Prof. Eva Wittenberg kennt noch mehr spannende Facts zum Thema.
Mehrsprachigkeit überfordert nicht, sie fördert
Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, haben oftmals einen sehr wendigen Geist. Sie switchen blitzschnell zwischen den Sprachen hin und her, lernen ständig neue Wörter, Laute und Redewendungen und bewegen sich insgesamt geschickt auf unterschiedlichem gesellschaftlichem Terrain, sofern das mit den Sprachen verbunden ist. Dass Mehrsprachigkeit die Sprachfähigkeit behindert, ist ein widerlegtes Vorurteil. Ja, es kann zu Fehlern und manchmal auch zu Verwirrung kommen, das legt sich aber wieder.
Natürlich erlernte Mehrsprachigkeit in der Familie (und nicht zwanghaft erlernte Vokabeln in der Kita) empfinden die Kinder als völlig normal. Vor allem wenn das Lernen einer zweiten oder dritten Sprache mit emotional positiv aufgeladener Stimmung verbunden ist, lernen die Kinder gerne. Das Vorlesen einer Gutenachtgeschichte, gemeinsames Kuscheln mit Koseworten, Sommerferien bei der anderssprachigen Oma, spielen mit den Cousins und Cousinen in einer anderen Sprache – all das macht Spaß und je lockerer die Lernumgebung, desto besser klappt’s.
Mehrsprachigkeit und Identität
“Eine andere Sprache zu können, ist wie eine zweite Seele zu besitzen.” lautet ein Sprichwort. Sprache ist eng mit Identität und Zugehörigkeit verbunden. Mehrere Sprachen zu sprechen, kann die persönliche Identität stärken und den eigenen Horizont erweitern. Durch Sprache entstehen Zugehörigkeitsgefühle, mit unterschiedlichen Sprachen lassen sich besondere Gefühle ausdrücken und Sprache ermöglicht den Zugang zu anderen Menschen und Kulturen, zu spannenden Büchern, Filmen und neuen Erfahrungen.
Sprache: Nähe und Distanz
Je eher Kinder eine Sprache lernen, desto tiefer sind die Verbindungen zu primären Emotionen. Geschimpft werden in der Muttersprache ist schlimmer als in der Zweit- oder Drittsprache. Koseworte in der Muttersprache berühren das Kinderherz aber auch um so mehr. Sogar beim Mathelernen kommt es auf die Sprache an: Das kann jeder ausprobieren, indem er in Dreierschritten bis 30 in der Muttersprache, auf Englisch und vielleicht auf Griechisch zählt. Was funktioniert besser? Bei Konflikten in der mehrsprachigen Familie kann es wiederum sinnvoll sein, auf die Zweit- oder Drittsprache auszuweichen: wenn die Worte nicht so schnell kommen, werden sie besser überlegt und Probleme müssen aufgrund fehlender Vokabeln erst umschrieben werden. Das schafft Distanz und meistens formulieren wir außerhalb der Muttersprache höflicher.
Prestigeträchtige Sprachen
Mehrsprachigkeit wird gesellschaftlich nicht immer positiv gewertet, es gibt prestigeträchtige und weniger prestigeträchtige Sprachen. Zu ersteren gehören Englisch, Französisch, Italienisch oder Spanisch. Weniger prestigeträchtig sind Sprachen, die selten gesprochen werden, „hart“ klingen, deren Bevölkerung ein schlechtes Image genießt oder auch Dialekte. Das ist schade, denn dadurch werden Kinder bewertet und leider manchmal abgewertet.
Wittenberg, Eva: Maman, I have a Wackelzahn. Mehrsprachig erziehen. Dtv Verlag
Foto: depositphotos.com




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