Das Märchen vom Segen der Ganztagsbetreuung: Interview mit Rainer Stadler

von | 28. November 2014

Interview mit Rainer Stadler zu seinem Buch: Vater, Mutter, Staat: Das Märchen vom Segen der Ganztagsbetreuung - Wie Politik und Wirtschaft die Familie zerstören.

Das Märchen vom Segen der GanztagsbetreuungMan sieht heutzutage tagsüber kaum Kleinkinder am ganz normalen alltäglichen Leben teilnehmen. Viele Kinder befinden sich den ganzen Tag hinter Mauern und Zäunen. Freies Spiel, auf Bäume klettern, den ganzen Tag draußen verbringen, sprich die Straßenkindheit, ist passé. Ich fragte Rainer Stadler, Autor des Buches Vater, Mutter, Staat: Das Märchen vom Segen der Ganztagsbetreuung – Wie Politik und Wirtschaft die Familie zerstören nach den Gründen dieser Entwicklung.

Rainer Stadler: Diese Entwicklung dauert schon einige Jahrzehnte an und hat viele Gründe. Ein zentraler Faktor ist sicher die finanziell zunehmend prekäre Situation von Familien. Die Reallöhne stagnieren seit langem in vielen Berufen, so dass es immer schwieriger wird, eine Familie von einem Einkommen zu ernähren. Immer häufiger müssen Vater und Mutter arbeiten, und oft reicht auch das nicht. Statistiken zufolge ist heute jedes fünfte Kind unter sieben Jahren dauerhaft von Sozialhilfe abhängig. Mitte der Sechzigerjahre war das nur bei jedem 75. Kind in diesem Alter der Fall. Wenn die Eltern den ganzen Tag arbeiten, bleibt ihnen oft nichts anderes übrig als die Kinder in Betreuungseinrichtungen zu geben.
Darüber hinaus drängt die Wirtschaft seit einigen Jahren massiv darauf, dass Kinder nicht mehr zuhause bei den Eltern aufwachsen, sondern fremdbetreut werden. Das vorgeschobene Argument lautet, die Kinder würden in diesen Einrichtungen früher und besser gebildet als zuhause. In Wahrheit geht es der Wirtschaft vor allem darum, mehr Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu haben. Bereits 2003 betonte zum Beispiel Bert Rürup, damals der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, die „Notwendigkeit einer Mobilisierung der so genannten stillen Reserve, Frauen mit kleinen Kindern“.

Viele Eltern merken, dass ihren Kindern die Ganztagsbetreuung nicht gut tut, sie ungern in die Einrichtung gehen. Halten es Eltern trotzdem für das Beste, sie dorthin zu geben?

Rainer Stadler: Ich fürchte, nicht wenige Eltern können heute in dieser Frage gar nicht mehr frei entscheiden, sondern sind aus finanziellen Gründen gezwungen, ihr Kind außer Haus betreuen zu lassen. Und bei vielen Eltern hat offensichtlich die jahrelange, völlig einseitige Informationspolitik Wirkung gezeigt: Sie glauben tatsächlich, ihr Kind sei in der Krippe besser aufgehoben als zuhause. Gerade das Familienministerium hat zu dieser Gehirnwäsche beigetragen: „Wir müssen die Kinder so früh wie möglich in die Welt schicken, denn ein Kind braucht mehr als die Mutter allein ihm geben kann“, sagte Ursula von der Leyen, als sie das Ministerium noch leitete. Das war die implizite Botschaft an die Eltern, dass sie ihrem Kind sogar schaden, wenn sie es nach der Geburt zulange zuhause behalten. Was reine Propaganda ist, die Forschung zeigt, dass das Gegenteil zutrifft.

Welche Risiken sehen Sie in der Ganztagsbetreuung für die Kinder?

Rainer Stadler: Es gibt inzwischen eine lange Reihe von Studien, die zeigen, dass Kleinkinder in Krippen gestresst sind. Messungen des so genannten Stresshormons Cortisol bei Kleinkindern in Krippen ergaben sogar, dass manche ähnlich hohe Werte wie Manager in Wirtschaftsunternehmen aufweisen. Angesichts neuer Zahlen des Statischen Bundesamts, wonach Kleinkinder heute durchschnittlich 37,6 Stunden pro Woche in der Krippe verbringen, ist das höchst bedenklich. Kinderpsychologen nehmen Stress bei Kleinkindern sehr ernst, weil er die seelische Gesundheit eines Menschen möglicherweise ein Leben lang beeinträchtigt. Zum zweiten gefährdet zu lange Fremdbetreuung auch die Bindung zwischen Eltern und Kind, was ebenso problematisch ist: Diese emotionale Bindung ist die Basis für alle sozialen Kompetenzen, die ein Mensch in seinem Leben entwickelt. Und schließlich wird den Kindern, und später auch den Jugendlichen in Ganztagsschulen, die Freiheit geraubt. Die Freiheit, allein zu sein, sich selbst zu beschäftigen, ungestört den eigenen Interessen nachzugehen. Die Kinder müssen von früh auf damit leben, dass sie ständig jemand beobachtet, überwacht, kontrolliert und gängelt.

Viele Studien belegen, dass fremdbetreute Kinder verhaltensauffälliger sind, als Kinder, die zuhause bleiben dürfen. Wieso gehen diese erschütternden Ergebnisse in der öffentlichen Diskussion so unter? Ferner dürfte doch längst klar sein, dass das Argument “individuelle Förderung” bei unseren Betreuungsschlüsseln gar nicht greifen kann…

Rainer Stadler: Der amerikanische Forscher Jay Belsky, der maßgeblich an der weltweit umfassendsten Krippenstudie beteiligt war, sagt über sein Heimatland: Die Krippen sind heute viel zu sehr Bestandteil unseres Wirtschaftssystems, als dass man sie noch ernsthaft in Frage stellen oder gar abschaffen könnte. Ich fürchte, das ist bei uns nicht anders: Politik und Wirtschaft wollen, dass die Eltern, Mütter wie Väter, möglichst den ganzen Tag arbeiten. Das heißt aber auch, dass die Eltern nicht verunsichert werden dürfen, ihre Kinder könnten in den Betreuungseinrichtungen vielleicht doch nicht so gut aufgehoben sein. Deshalb werden Studien wie die bundesweite NUBBEK-Untersuchung nicht groß thematisiert, obwohl ihr Ergebnis war, dass nur 3% der Krippen in Deutschland das Qualitätsurteil “gut” verdienen, während die restlichen 97% als mittel oder gar schlecht beurteilt wurden. Eine verantwortungsvolle Politik müsste bei solchen Zahlen Alarm schlagen. Aber offensichtlich gibt es Interessen, die höher bewertet werden als das Wohl der Kinder.

Vielen Dank!

Foto: © altanaka – Fotolia.com

1 Kommentare

One-and-a-half

1. Dezember 2014 um 15:25 Uhr

Liest sich das wirklich jemand durch?
Zitat: “wonach Kleinkinder heute durchschnittlich 37,6 Stunden pro Woche in der Krippe verbringen”
Angenommen es gäbe Eltern die Kinder mittags abholen (was es gibt… ) und Väter (oder auch Mütter) die ihre Kinder zuhause betreuen, dann müßten ALLE übrigen Kinder weit über 37,6h (eher 60h und noch viel mehr…?) die Woche in den Kitas verbleiben, um den postulierten Durchnitt zu halten. D.H. die Betreuerinnen würden dann quasi im Schichtbetrieb arbeiten… KEINE Kita hat so lange auf, um auf solche Zahlen zu kommen.

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